Halle (Saale) / Ruhrgebiet. Am Rande des aktuellen Wahlkampfs in Halle an der Saale ist es zu einem handfesten Angriff auf einen Infostand der Partei Die Linke gekommen. Ein vom Betreiber selbst veröffentlichter Zuschnitt aus seinem Livestream dokumentiert den physischen Übergriff auf einen ehrenamtlichen Wahlhelfer. Der Vorfall alarmiert die Öffentlichkeit und wirft gleichzeitig ein kritisches Licht auf das Verhalten der anwesenden Polizeikräfte vor Ort.
Provokation führt zu Gewalt
Die Videoaufnahmen dokumentieren den exakten Ablauf einer bewussten Eskalationsstrategie: Der bekannte Web-Videoproduzent Matthäus W., der im Netz unter dem Pseudonym „Aktivist Mann“ auftritt und von Medien und Behörden der rechten Szene zugeordnet wird, konfrontierte das Standpersonal mit Kamera und Mikrofon aus unmittelbarer Nähe. Dabei stellte W. die Frage, ob sich einer der Helfer als „ethnisch deutsch“ bezeichnen würde. Nachdem der Angesprochene die Beantwortung verbal verweigerte, sprach W. direkt in seine Kamera: „Dabei ist die linke Partei ja eine der antideutschsten überhaupt.“ Daraufhin griff ein zweiter ehrenamtlicher Wahlhelfer ein. Er stellte sich langsam und ruhig zwischen den filmenden Streamer und den Infotisch, um den Stand abzuschirmen. In höflichem Ton äußerte der Helfer: „Das ist doch völlige Zeitverschwendung. Das ist wirklich eines der dümmsten Formate, die es überhaupt im Internet gibt, und das reicht jetzt hier.“
W. behauptet in der Szene zwar lautstark, der Wahlhelfer solle ihn nicht schubsen – eine solche körperliche Aggression ist auf dem Bildmaterial jedoch zu keinem Zeitpunkt zu sehen. Der Streamer reagierte unvermittelt mit physischer Härte und rammte den Wahlhelfer mittels eines harten Bodychecks zur Seite. Der Helfer wurde mit solcher Wucht getroffen, dass er fast über den massiven Infotisch stürzte. Ein vorausgegangener physischer Angriff oder ein Schubsen vonseiten des Wahlhelfers fand nicht statt.
Kritik an Verhalten und Äußerungen der Polizei
Für massive Irritation und scharfe Kritik sorgt das Verhalten der direkt am Geschehen beteiligten Polizeikräfte, die den Übergriff miterlebten. Unmittelbar nach dem heftigen Rempler griffen die Polizisten ein und forderten zuerst den attackierten Wahlhelfer auf: „Lassen Sie bitte die Körperlichkeiten“. Im weiteren Verlauf des Gesprächs ist auf den Tonaufnahmen zudem zu hören, wie ein Beamter vor Ort die Situation mit den Worten „Er hat angefangen?“ kommentiert.
Diese Äußerungen und das direkte Vorgehen gegen das Opfer stehen im Widerspruch zum professionellen Anspruch. Sie relativieren den einseitigen physischen Angriff des rechten Streamers und unterstellen dem Betroffenen eine Mitschuld. Ein friedliches, kritisches Dazwischenstellen im öffentlichen Raum stellt keine körperliche Aggression dar und rechtfertigt niemals körperliche Gewalt. Kritiker werfen den Beamten vor Ort vor, ihre gesetzliche Neutralitätspflicht verletzt zu haben und für die psychologischen Taktiken politischer Streamer nicht ausreichend sensibilisiert zu sein.
Digitale Empörung: Vorwurf der Täter-Opfer-Umkehr und Dienstaufsichtsbeschwerde
In den digitalen Netzwerken formierte sich unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Videos breiter Protest gegen die Lagebeurteilung der Behörden. Zunächst adressierten Nutzer auf der Plattform X fälschlicherweise die Berliner Polizei, was innerhalb der Online-Community jedoch zügig korrigiert wurde: Kommentatoren wiesen darauf hin, dass die sachliche Zuständigkeit bei der Polizei Sachsen-Anhalt beziehungsweise der Polizeidirektion Halle liegt.
Die Kritik der Internet-Community fällt dabei eindeutig aus. Nutzer reagierten fassungslos auf die polizeiliche Gleichsetzung von friedlicher Deeskalation und physischer Gewalt. Kommentatoren äußerten öffentlich die Frage, ob man bei den Behörden in Halle „eher auf der Seite von rechten Möchtegern-Journalisten“ stehe, die das Gegenüber „so richtig hart verarschen“ würden.
Aus den Reihen der Online-Beobachter werden aufgrund dieser Lagebeurteilung konkrete rechtliche Schritte gefordert: Die User drängen in ihren Beiträgen auf eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Polizeibeamten, da dieser die Situation völlig falsch gewertet habe. Gleichzeitig wird eine konsequente strafrechtliche Verfolgung des Angreifers verlangt. Die unprovozierte, vorsätzliche Attacke gegen eine gefährliche Tischkante müsse als Körperverletzung geahndet werden; zudem verweisen Kommentatoren darauf, dass W.s lautstarke Falschbehauptung („Schubs mich nicht“) den Tatbestand der falschen Verdächtigung bzw. des Vortäuschens einer Straftat zuungunsten des Wahlhelfers erfüllt.
Die Masche mit dem Livestream-Zuschnitt und der „Selbstverteidigung“
In seinen Veröffentlichungen inszeniert sich W. regelmäßig als „freier Journalist“, doch die Pressefreiheit ist kein Freibrief für Gewalt. Auch der Verzicht des Streamers auf eine Strafanzeige passt ins Bild. Statt den Rechtsweg zu suchen – wo vor Gericht ungeschnittene Beweise vorgelegt werden müssten –, setzt W. im Internet auf eine stark polarisierende Kampagne.
Unter reißerischen Überschriften wie „Linker greift mich an...“ verbreitet er den gezielten Ausschnitt, den er selbst aus seinem Livestream auf die Szenerie zugeschnitten hat. Durch diese nachträgliche Aufbereitung und eine gezielte Täter-Opfer-Umkehr wird vor laufender Kamera behauptet, der Bodycheck sei „alles Selbstverteidigung“ gewesen. In den Kommentaren unter den Beiträgen bedient der Streamer zudem klassische Feindbilder und behauptet unter anderem, „die Linken“ kennten „nur Gewalt“.
Matthäus W. ist den Ermittlungsbehörden seit Langem bekannt. Er gilt als rechtskräftig vorbestraft, da das Landgericht Bielefeld gegen ihn wegen Volksverhetzung – konkret wegen der Verbreitung antisemitischer NS-Propaganda – eine rechtskräftige Geldstrafe verhängt hat, die zusammen mit weiteren Delikten zu einem dauerhaften Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis führt. Das Videomaterial liegt den Ermittlungsbehörden vor und bildet nun trotz des verzerrenden Zuschnitts im Netz das objektive Fundament zur Überprüfung von Straftaten wie Körperverletzung und Nötigung.
Quellen:
NW-lokal
Aktivistmann (YouTube)
X-Kanäle (Kommentare)



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